Tageszeitung junge Welt

14.08.2009 / Thema / Seite 10


Streik trotz Krise

Hintergrund. Der Kampf der Beschäftigten in den Sozial- und Erziehungsdiensten. Eine erste Bilanz

Bernd Riexinger und Cono Hägele

Der Streik der Erzieher/innen und Sozialarbeiter/innen zeigt, daß eine Gewerkschaft auch in der Krise für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen streiken kann. Eine neue, für Streiks im öffentlichen Dienst eher untypische Berufsgruppe hat entschlossen und relativ geschlossen für ihre Interessen gekämpft. Der Streik nahm von Anfang an politischen Charakter an und war verschränkt mit der Forderung nach besserer Kinderbetreuung und einem besseren Bildungssystem. Nicht alle Chancen wurden dabei genutzt. Das Ergebnis ist bei den Mitgliedern umstritten. Das Urabstimmungsergebnis liegt erst am 15. August vor. Es ist jedoch damit zu rechnen, daß es eine hohe Zahl von Neinstimmen gibt und die Verhandlungsführung ein Legitimationsproblem für den Abschluß bekommt. Die Erklärungsfrist läuft bis zum 21. August 2009.

Hintergrund des Streiks

Mit der Einführung des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst (TVÖD), der in vielerlei Hinsicht auch ein Absenkungstarifvertrag war, wurde eine Verhandlungsverpflichtung über eine neue Entgeltordnung (Eingruppierung) vereinbart. Die Verhandlungen darüber kamen und kommen nicht vom Fleck. Im Prinzip hat ver.di bis heute kein geschlossenes und in der Basis unumstrittenes Konzept entwickelt, und die Arbeitgeber wollten die Verhandlungen zur Absenkung des Eingruppierungsniveaus nutzen. Für die Beschäftigten, die im TVÖD eingestellt wurden, ergaben sich insbesondere durch den Wegfall der Bewährungsaufstiege gewaltige Differenzen zum alten BAT. Errechnet wurde, daß der Differenzbetrag für eine Erzieherin in der Entgeltgruppe 6 zu den im Bundesangestelltentarifvertrag (BAT) überführten Kolleginnen in der EG-8 aufs Berufsleben gerechnet ein Minus von 135000 Euro beträgt. Eine Zahl, die nebenbei bemerkt den Kritikern am TVÖD, zu denen auch der ver.di-Bezirk Stuttgart gehörte, recht gibt. Bei der Tarifauseinandersetzung galt es also erstens zu erreichen, daß diese Schere geschlossen wird und zweitens, daß die Sozial- und Erziehungsdienste deutlich aufgewertet werden. Ver.di hatte sich entschlossen, mit den Beschäftigten einen exemplarischen Kampf um eine bessere Eingruppierung zu führen. Diese Entscheidung war richtig und ist hoffentlich ein zukunfts­orientiertes Beispiel dafür, daß Erfolge bei der Aushandlung einer neuen Entgeltordnung ohne Mobilisierung der Mitglieder und Beschäftigten kaum erreicht werden können.

Voraussetzungen waren günstig

Die Voraussetzungen, mit dieser Berufsgruppe zu streiken, waren günstig. Sie ist für die Verhältnisse im öffentlichen Dienst relativ hoch organisiert, zumindest in den Großstädten. Das Ansehen der Erziehungs- und Sozialberufe in der Gesellschaft ist hoch, und es gehört fast schon zum Volkswissen, daß für diese gesellschaftlich anerkannte und wichtige Tätigkeit sehr geringe Löhne bezahlt werden. Alle relevanten Parteien sind für eine Verbesserung der Kinderbetreuung und Bildung. Gleichzeitig ist die Misere in diesen Bereichen besonders groß, so daß sich durchaus die Interessen der Eltern und Erzieher/innen miteinander verbinden ließen. Die miese Bezahlung hängt außerdem damit zusammen, daß es sich um eine Branche handelt, in der überwiegend Frauen beschäftigt sind. Darüber hinaus konnte ver.di hoffen, die gewerkschaftliche Verankerung und den Organisationsgrad weiter verbessern zu können. Vor der Auseinandersetzung mußte jedoch noch ein Hindernis überwunden werden. Die Eingruppierung war nicht streikfähig, weil hier noch Friedenspflicht herrschte. Dieses Problem wurde mit der Forderung nach einem Tarifvertrag zum Gesundheitsschutz umgangen.

Thema Gesundheitsschutz

Die Forderung nach einem Tarifvertrag zum Gesundheitsschutz war am Anfang ein Begleitthema zum eigentlich wichtigen, der Eingruppierung. Im Prinzip war der Tarifvertragsentwurf von ver.di höchst begrenzt. Er sah im Kern das einklagbare Recht auf eine Gefährdungsanalyse vor, und für den Fall, daß sich Arbeitgeber und Personalrat nicht über die Maßnahmen einigen können, müssen paritätisch besetzte Kommissionen eingerichtet werden. Zuerst waren dafür die Personalräte vorgesehen, später wurde dies umgewandelt in Vertreter/innen der Gewerkschaft. Im Verlauf des Konfliktes zeigte sich bald, daß das Thema Gesundheitsschutz bei den Beschäftigten hoch besetzt war und ist. Viele Erzieher/innen leiden unter dem andauernden Lärm, dem permanenten Personalmangel und der hohen psychischen und physischen Belastung. Bei den Sozialarbeiter/innen ist letzteres ebenso der Fall. Die meisten können sich nicht vorstellen, halbwegs gesund das Rentenalter von 67 Jahren zu erreichen. Die Forderung nach einem Tarifvertrag Gesundheitsschutz hat die Mobilisierung für den Arbeitskampf befördert, obwohl die für die Beschäftigten absolut wichtigste Forderung, nämlich der zu geringe Personalschlüssel, nicht Gegenstand der Auseinandersetzung war. Viele Erzieher/innen und Sozialarbeiter/innen schilderten jedoch auf den Streikversammlungen und Kundgebungen, wie sie unter den Arbeitsbedingungen, insbesondere unter der mangelnden Personalausstattung und der häufig nicht funktionierenden Vertretungsregelung, leiden. An diesem Punkt gab es ebenfalls eine Interessenskoalition mit den Eltern, die für eine bessere Personalausstattung sind.

Enger Zeitplan, hohe Mobilisierung

Der Zeitplan für Warnstreiks, Urabstimmung und Streik war sehr eng bemessen. Einerseits mußte mit den Arbeitgebern über den Gesundheitsschutz verhandelt werden, andererseits bestand die Absicht, den Konflikt noch vor der Sommerpause zu beenden. Trotz dieses engen Zeitkorsetts war die Beteiligung bei den Warnstreiks in der ersten Mai-Woche überraschend hoch. In Stuttgart gingen 2 500 Erzieher/innen auf die Straße, 130 von 189 Einrichtungen waren geschlossen. Auch in den Landkreisen des Umlandes war die Streikbeteiligung deutlich höher als in den Jahren zuvor. Es gab also keinen Zweifel, daß die Urabstimmung ein hohes Votum für Streik ergeben würde. Tatsächlich stimmten dann über 90 Prozent der Mitglieder für Streik, obwohl der Urabstimmungszeitraum relativ kurz gehalten wurde. Es ist zu beachten, daß die Einrichtungen aufgesucht werden mußten. Nur so konnte eine hohe Beteiligung sichergestellt werden. Eine große Schwäche waren in den vergangenen Jahren die ländlichen Bereiche. Dazu gehörten auch viele Kreis- und Mittelstädte. Wenn es den Bezirken gelungen ist, bereits bei der Urabstimmung die Einrichtungen in den Landkreisen aufzusuchen, führte das in aller Regel zu einer deutlich höheren Streikbeteiligung. Das ist leider bei weitem nicht überall gelungen.

Hohe Dynamik und langer Atem

Trotz dieser Handicaps gewann der ab Mitte Mai ausgerufene Streik schnell an Fahrt. Überall in den Großstädten war die Streikbeteiligung sehr hoch. 30000 bis 40000 Streikende waren zumindest an den gemeinsamen bundesweiten Streiktagen auf der Straße. Nachdem am Anfang einige Bezirke euphorisch drauflos streikten, wurde schnell eine Streikstrategie gewählt, die von einem mehrmonatigem Konflikt ausging. Erfahrungshintergrund dabei war der Streik im öffentlichen Dienst 2006. Dort streikten die Kollegen/innen in Mannheim bei hervorragender Streikbeteiligung im Jugendamt vier Wochen am Stück. Danach ging ihnen die Puste aus, aber der Arbeitskampf hatte bis dato noch zu keinem Ergebnis geführt. Außerdem hatte man durch diese Streikführung fast sämtliche Eltern gegen sich aufgebracht. Deshalb wurde sinnigerweise eine Strategie der tageweisen Streiks gewählt, die von Woche zu Woche gesteigert werden sollten. Gleichzeitig wurde den Bezirken eigener Gestaltungsspielraum eingeräumt. Das war eine richtige Entscheidung, wenn es auch dazu führte, daß einzelne Bezirke zwei oder gar drei Wochen am Stück streikten und danach ziemlich platt waren. Trotz einiger Einschränkungen hat diese Strategie funktioniert. Weder war größeres Abbröckeln erkennbar, noch wäre es unmöglich gewesen, im September die Streiks unbefristet fortzusetzen. Zwar haben wir keinen Überblick, wie die Streikführung in den einzelnen Bezirken ausgesehen hat, aber in vielen Fällen wurden die Arbeitskämpfe in den öffentlichen Raum getragen und mit vielfältigen Aktionen, Demonstrationen und Kundgebungen verbunden.

Im Bezirk Stuttgart wurde insgesamt 16 Tage gestreikt. An jedem Streiktag wurde mindestens eine öffentliche Aktion oder eine Demonstration und Kundgebung durchgeführt. Dabei wurde bei jeder zweiten Demonstration in die Landkreise gefahren, so daß es in jeder Kreisstadt und in einigen Mittelstädten aufsehenerregende Aktionen mit 1000 bis 2000 Teilnehmer/innen gegeben hat. Teilweise schlossen sich auch Eltern mit ihren Kindern an. Den Streikenden in den Landkreisen, die häufig erhebliche Konflikte mit ihren wenig arbeitskampferfahrenen Bürgermeistern auszutragen hatten, wurde damit der Rücken gestärkt. Das war eine Ursache dafür, daß in der Region Stuttgart eine hohe und über die ganze Streikdauer stabile Beteiligung nicht nur in der Landeshauptstadt, sondern auch in den Landkreisen zu verzeichnen war. Eine unübersehbare Stärke gegenüber den Streiks der vergangenen Jahre.

Jeden Tag wurde eine gemeinsame Streikversammlung mit zirka 1200 bis 1500, in den Höhepunkten 2000 Teilnehmer/innen durchgeführt, auf der Bilanz gezogen und die weitere Vorgehensweise besprochen wurde. Das Mikrophon war für alle offen. Die Beschäftigten haben somit den Arbeitskampf als ihre eigene Sache wahrgenommen und gestaltet. Die öffentlichen Aktionen und Demos waren sehr lebendig. Die Beschäftigten führten eigene Sketche auf, arbeiteten gemeinsame Redebeiträge aus, malten viele Plakate und Transparente. Auch öffentliche Performances mit Musik gaben den Aktionen etwas Lebendiges, Buntes und weckten große Sympathie bei großen Teilen der Bevölkerung.

Einige Höhepunkte

Ein bundesweiter Höhepunkt war zweifellos die zentrale Demonstration von 30 000 Streikenden in Köln am 15.6.2009. Beeindruckend war nicht nur die Zahl der Teilnehmer/innen, sondern auch die Beteiligung aller im Bundestag vertretenen Parteien (ausgenommen FDP) mit prominenten Redner/innen. Darunter auch Gregor Gysi von der Partei Die Linke, der am meisten Beifall einheimsen konnte. Überraschend die nahezu uneingeschränkte, zumindest verbale Solidarität von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU). Zweifellos darf man diese Reden nicht überbewerten, aber sie zeigen doch, daß die Forderungen der Beschäftigten von den politischen Parteien weder ignoriert, noch öffentlich kritisiert werden konnten. Nur eine Woche später, am 22.6.2009, versammelten sich über 6000 Streikende aus den südwestlichen Ländern zu einer imponierenden Demonstration und Kundgebung in Mannheim.

Aus Stuttgarter Sicht sind zwei Ereignisse herauszuheben: Der gemeinsame Streiktag mit 1000 Verkäufer/innen aus ganz Baden-Württemberg am 10.6.09 und der Bildungsstreiktag am 17. Juni. Es war ein imposantes Bild, als sich vor dem Stuttgarter Gewerkschaftshaus 1000 Beschäftigte des Einzelhandels, die zuvor eine Auftaktkundgebung am Hauptbahnhof veranstaltet hatten, und 2000 Erzieherinnen zu einer gemeinsamen Demonstration durch die Stuttgarter Innenstadt vereinten. Auf der Abschlußkundgebung wurden von allen Redner/innen die gemeinsamen Interessen hervorgehoben.

Nahezu überwältigend war nur eine Woche später, am 17.6., der Bildungsstreik zusammen mit den Schülern und Studenten/innen. Auch an diesem Tag vereinigten sich 13000 Schüler/innen und Studenten/innen mit 2500 Erzieher/innen und Sozialarbeiter/innen zu einer gemeinsamen Demonstration und Kundgebung. Manche Beschäftigte streikten erstmals zusammen mit ihren Kindern für ein besseres Bildungssystem. Nach Berlin war es die größte Demonstration bundesweit. Die Zusammenarbeit mit den Aktiven des Bildungsstreikes ist bis heute hervorragend, und im Stuttgarter Bündnis »Krisenproteste arbeiten beide konstruktiv und wirkungsvoll zusammen. Leider war dies eine Ausnahme, obwohl ver.di die Bildungsstreiks auch auf Bundesebene begrüßt und unterstützt hat.

Medien und Eltern

Die Streiks bei den Sozial- und Erziehungsdiensten erhielten große Aufmerksamkeit in den regionalen und überregionalen Medien. Der Streik­auftakt war auf den Titelseiten der meisten Zeitungen, und die Bezahlung und Arbeitsbedingungen vor allem der Erzieher/innen waren Thema in den Talkshows. Bis zum Schluß überwog die positive Berichterstattung. Natürlich wissen auch die Beschäftigten, daß die Medien einem vorhersehbaren Muster folgen: Zuerst werden die zu schlecht bezahlten Erzieher/innen in den Vordergrund gerückt, danach die unter dem Streik »leidenden« Eltern. Wenn auch die Medien diesem Muster folgten, so doch weitaus verhaltener und differenzierter als bei anderen Streiks im öffentlichen Dienst.

Die Eltern blieben bis zum Schluß wichtige Bündnispartner der Streikenden. Nahezu uneingeschränkt standen die Elternvertretungen hinter den Forderungen nach höherer Bezahlung und besseren Arbeitsbedingungen. Beim Streik hingegen schieden sich die Geister. Ein Teil der Eltern, darunter natürlich auch FDP-Wähler, Selbständige und notorische Gewerkschaftsgegner, waren massiv gegen den Streik. Insbesondere Mitglieder des Bildungsbürgertums engagierten sich hierbei und fanden auch den entsprechenden Zugang zu den Medien. Die meisten Eltern hatten jedoch vollstes Verständnis für die Streikenden, ein Teil solidarisierte sich offen und organisierte Aktionen für bessere Betreuung und die Schaffung von mehr Tageseinrichtungsplätzen. Die Proteste der Eltern, die zum Teil natürlich auch in eine echte Notlage geraten sind, richteten sich in weitaus höherem Maße gegen die Rathausverantwortlichen als gegen die Gewerkschaft ver.di. So formuliert es auch der Verband kommunaler Arbeitgeber: »Die Eltern haben sich nahezu ausnahmslos hinter die Forderungen der Erzieherinnen und Erzieher gestellt (…)« (VKA-Tarifinfo vom 29.7.2009).

Das Ergebnis – kein Durchbruch

Am 27. Juli wurde den zirka 300 Streikdelegierten das vorläufige Verhandlungsergebnis präsentiert. Übermüdete Verhandlungsführer stellten es nach einem 36stündigen Verhandlungsmarathon dar. Nicht für alle ausgehandelten Ergebnisse konnte eine nachvollziehbare Präsentation vorgelegt werden, aber zumindest für die wichtigsten. Das Ergebnis ist sehr komplex und an dieser Stelle nur grob darstellbar. Beim Gesundheitsschutz konnte das Recht auf eine Gefährdungsanalyse vereinbart werden. Es können zwar paritätisch besetzte Kommissionen eingerichtet werden, aber bei unterschiedlichen Auffassungen über die Maßnahmen muß eine Mehrheit der Arbeitgebervertreter/innen zustimmen. Also nichts Erzwingbares, maximal hat man damit den Fuß in der Tür.

Bei der Eingruppierung wurde eine neue Tabelle mit 18 Entgeltgruppen vereinbart. Damit haben die Arbeitgeber erreicht, daß das bestehende Tarifgefüge im TVÖD nicht durchbrochen wurde. Am meisten profitieren die jüngeren Erzieher/innen, die nach Einführung des TVÖD eingestellt wurden und werden. Für sie wurde der Abstand zum ehemaligen BAT wieder hergestellt und zum Teil verbessert. Das macht im übrigen deutlich, in welch hohem Maße der TVÖD ein Absenkungstarifvertrag ist. Erfolge gab es auch bei den Sozialarbeiter/innen im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), für die eine neue Gruppe eingeführt wurde. Langjährige Erzieher/innen und Sozialarbeiter/innen (insbesondere in den besser bezahlenden Großstädten), die vom BAT in den TVÖD überführt wurden, bekommen entweder nur eine geringe Erhöhung oder gar keine. Das Gleiche gilt für langjährige Leiter/innen von Kindertageseinrichtungen. Auch für diese streikwichtige Gruppe ist das Ergebnis bescheiden. Weder bei den Streikdelegierten noch auf den anschließenden Versammlungen wurde das Ergebnis positiv aufgenommen. Kein Durchbruch war die nahezu einhellige Meinung. Trotzdem stimmte eine deutliche Mehrheit für das Verhandlungsergebnis. Sechs von zehn Bezirken in NRW stimmten dagegen, ebenso wie alle Delegierten des Bezirks Stuttgart. Begründung der Mehrheit: Das derzeitige Kräfteverhältnis würde nicht mehr hergeben.

Kontroverse Bewertung

Die Hauptbegründungen für die Zustimmung: Die Arbeitgeber seien seltsam unbeeindruckt von der Streikstärke von ver.di. Das Verhandlungsergebnis würde demnach das aktuelle Kräfteverhältnis wiederspiegeln. Wenn wir mehr erreichen wollten, müßten wir im Herbst auch zahlenmäßig deutlich zulegen. Bis dato war der Streik auf jeder Ebene gut geführt und auch gut rückgekoppelt. Mit der Einführung der Streikdelegiertenkonferenzen wurde ein demokratisches Forum geschaffen, das eine direkte Rückkoppelung zu den Streikleitungen vor Ort ermöglichte. Aber die Zustimmung zu dem Verhandlungsergebnis erfolgte unter dem Eindruck eines wenige Stunden zuvor zu Ende gegangenen Verhandlungsmarathons. Die Entscheidungen wurden in wenigen Stunden getroffen, ohne vorherige Rückkopplung zu den Streikenden oder einem nennenswerten Teil von ihnen. Eine wirklich differenzierte Einschätzung des Kräfteverhältnisses und der Streikmöglichkeiten für September konnte nicht vorgenommen werden.

Die Organisation hatte sich im Prinzip darauf eingestellt, daß Baden-Württemberg und Bayern (deren Sommerferien erst Ende Juli begonnen hatten) in reduzierter Form im Juli streikten, dann die Bundesländer, die aus den Sommerferien zurückkommen, ebenfalls gebremst die Streiks im August wieder aufnehmen und dann ab Mitte September mit geballter Kraft unbefristet, aber mindestens bis zur Bundestagswahl gestreikt wird. Diese Strategie war durchaus realistisch. Es war nie die Rede davon, daß mehr Beschäftigte mobilisiert werden können. Das ist nach 16 Wochen Konflikt kaum möglich. Der zusätzliche Druck sollte durch die Länge (unbefristeter Streik) aufgebaut werden. Aus Sicht des Stuttgarter Bezirkes war das völlig realistisch. Die Eltern hatten unter der Drohung des unbefristeten Streiks im September ihren Druck auf die Rathäuser deutlich erhöht. Zumindest in Baden-Württemberg waren diese außerordentlich beeindruckt, und die Nervosität der Rathausverantwortlichen wurde spürbar größer. Auch in den Landkreisen war nichts davon zu merken, daß die Streikbereitschaft nachlassen würde. Politisch hätte im Vorfeld der Bundestagswahl das Thema Kinderbetreuung und Bildung offensiv in die Öffentlichkeit gebracht werden können.

Ob die Voraussetzungen für die Wiederaufnahme des Streiks in den meisten Bezirken vorhanden gewesen wären, das hätte ohne Zeitdruck gründlich mit den Akteuren diskutiert werden müssen. Bei einer Erklärungsfrist bis 21. August gab es keinen wirklichen Zeitdruck. So bleibt zumindest bei uns der Eindruck zurück, daß wir unter unseren Möglichkeiten abgeschlossen haben. Sollte die Zustimmung bei der Rückurabstimmung unter 50 Prozent liegen, gerät ver.di in einen Legitimationskonflikt, über dessen Auflösung in einer möglichst breiten und offenen Diskussion entschieden werden sollte.

Bernd Riexinger ist Geschäftsführer von ver.di Stuttgart, Cono Hägele ist ver.di-Bezirkssekretär und Mitglied der Stuttgarter Streikleitung