08.10.2009 / Kapital & Arbeit / Seite 9
Schneller, effizienter, kostengünstiger – kurzum besser. Packt ein Privatunternehmen ein Projekt an, sieht der Staat nur noch alt aus. So lautet das Mantra der Privatisierungslobby aus Wirtschaft, Politik und Medien. Und obwohl längst in Serie widerlegt, betreibt die öffentliche Hand weiter eifrig ihren eigenen Ausverkauf. Nach der Devise, es kann nicht sein, was nicht sein darf, wird passend gemacht, was nicht paßt. Das gilt inzwischen auch für den Bundesfernstraßenbau. Den Schaden trägt wie üblich der Steuerzahler: Bei den seit 2005 in öffentlich-privater Partnerschaft (ÖPP) auf den Weg gebrachten Pilotprojekten zum Autobahnausbau (sogenannte A-Modelle) werden absehbar Gelder in Milliardenhöhe verschenkt. Den beteiligten Investoren steht dagegen ein fetter Reibach ins Haus – mit freundlicher Unterstützung durch den bisherigen Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD).
Den neuesten Beleg dafür lieferte Anfang Oktober ein
ddp-Bericht. Die von der Nachrichtenagentur recherchierten
Kernzahlen zu einem der Modellvorhaben weisen demnach Mehrkosten
von mindestens 50 Prozent für die ÖPP-Variante
verglichen mit einem konventionellen staatlichen Engagement nach.
Konkret geht es um den Autobahnabschnitt auf der A8 zwischen
Augsburg und München. Für dessen Ausbau, Betrieb und
Erhalt bekam 2007 ein internationales Konsortium die Konzession,
die diesem im Gegenzug für die nächsten 30 Jahre den
weitaus größten Teil der auf dieser Passage anfallenden
Lkw-Mautgebühren garantiert. Nach den von ddp aufgedeckten
Berechnungen des Verkehrsministeriums wären dies
inflationsbereinigt 537 Millionen Euro. Demgegenüber
veranschlagt das Ministerium Kosten von lediglich 364 Millionen
Euro, würde der Staat auf eigene Faust bauen und
betreiben.
Es gehört zum Wesen von ÖPP-Geschäften,
daß ihre Inhalte strengster Geheimhaltung unterliegen. Der
Schwindel fliegt in der Regel erst dann auf, wenn es zu spät
ist. Nach den offiziellen Bestimmungen dürfen die Privaten
nämlich nur unter der Bedingung Aufgaben des Staates
übernehmen, wenn dabei ein deutlicher Kostenvorteil für
den Steuerzahler herausspringt. Die im Falle der fraglichen
Autobahnprojekte erstellten Wirtschaftlichkeitsgutachten hält
das Ministerium jedoch eisern unter Verschluß.
Einsichtsrecht in der Geheimschutzstelle des Bundestages haben
lediglich die Mitglieder des Verkehrsausschusses –
allerdings dürfen die mit niemandem darüber reden. Anton
Hofreiter, Obmann der Grünen im Ausschuß, nannte dies
am Mittwoch gegenüber junge Welt einen »riesigen
Skandal«. Es gehe um Milliardensummen, es brauche
öffentliche Transparenz, »die Bevölkerung hat ein
Recht darauf zu wissen, was mit ihren Steuergeldern
passiert«.
Erhellendes dazu hatte im März der
Bundesrechnungshof (BRH) ans Licht befördert. In einem
Gutachten bescheinigte dieser gleich vier der laufenden
Pilotprojekte fehlende Effizienz und Wirtschaftlichkeit. Der
Autobahnausbau in Form der A-Modelle würde kaum schneller
vonstatten gehen, dafür aber mit erheblich höheren
Kosten zu Buche schlagen. »Kritisch« sieht die Behörde
in diesem Zusammenhang die Wirtschaftlichkeitsgutachten des
Bundesverkehrsministeriums. Dieses habe die auf den
Streckenabschnitten prognostizierten Mauteinnahmen auffallend
niedrig angesetzt. Die Schätzungen der erfolgreichen Bieter
lagen laut BRH »zwischen 55 und 75 Prozent« über
denen des Bundes. Statt der von diesem für die vier Vorhaben
kalkulierten rund drei Milliarden Euro, rechnen die Investoren
demnach mit mindestens 1,5 Milliarden Euro mehr.
Tatsächlich stecken die
politischen Wegbereiter der A-Modelle in einer Zwickmühle.
Lukrativ für den Staat erscheinen solche Vorhaben nur dann,
wenn sich das Gebührenaufkommen auf niedrigem Niveau bewegt
und die Finanzierungskosten eines Ausbaus in Eigenregie nicht
übersteigt. Der Zwang zur Schönrechnerei geht aber
direkt auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Denn warum sollte ein
Privater bei derlei miesen Profitaussichten überhaupt
einsteigen? Der BRH hat diesen Widerspruch in seiner Expertise auf
den Punkt gebracht: Behielte das Ministerium mit seinen Prognosen
recht, drohte den Unternehmen die Pleite. Gingen dagegen deren
Berechnungen in Erfüllung, würde der Staat Unmengen an
Steuergeldern verschleudern.
Für letzteres spricht so
ziemlich alles: Der Verkehrsreferent der Bundestagsfraktion Die
Linke, Gerrit Schrammen, wies im jW-Gespräch darauf hin, daß
ausgerechnet die betroffenen Autobahnen die »Hauptrennstrecken
der Republik« seien. Zudem prognostiziert eine im
vergangenen Jahr für das Verkehrsministerium erstellte Studie
einen Anstieg des Güterferntransports auf der Straße
von 2004 bis 2025 um 84 Prozent. Laut bayerischer
Autobahndirektion Süd werden die Lkw-Zahlen auf der A8 bis
2020 je nach Streckenabschnitt um 20 bis 40 Prozent zulegen. Das
von ddp zitierte Wirtschaftlichkeitsgutachten des Ministeriums
geht für den gleichen Zeitraum von einer Zunahme der
Mauteinnahmen von gerade einmal 13 Prozent aus.
Der
Verdacht drängt sich auf, daß das Ministerium nach
politischen Zielvorgaben kalkulieren ließ. Schrammen drückt
das so aus: »Es gibt einfach die ideologische Festlegung,
Privatisierungen auszuprobieren, und dann muß es eben
passen«. Für seine Parteikollegin Dorothée
Menzner, verkehrspolitische Sprecherin der Linksfraktion, ist die
Rechnung denkbar einfach: »Die Privaten sind immer teurer,
das haben sämtliche ÖPP-Projekte der Vergangenheit
bewiesen«, bekräftigte sie gegenüber jW. »Anders
als der Staat muß der Investor eine Rendite erwirtschaften,
und das bleibt eben am Steuerzahler hängen.«